Forschungsstipendium im Herzen des Amazonas
Im November 2025 hat Alanis Flavia Cruz Flores unsere Schutzgebiete in Peru im Rahmen unseres Stipendiat:innen-Programms besucht und berichtet zum diesjährigen “Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft” von ihren Erlebnissen.
Vom Regenwald nach Bielefeld und zurück
Wenn man mich früher gefragt hat, was ich später einmal werden möchte, dann war meine Antwort immer dieselbe: Ich will Tiere retten. Nicht mehr und nicht weniger. Die großen Held:innen meiner Kindheit waren Jane Goodall und Steve Irwin, der Crocodile Hunter, und ich habe eine Tierdokumentation nach der anderen verschlungen.
Als ich älter wurde und begann, erste Pläne für die Zukunft zu schmieden, kam ich zu dem Schluss, dass ein Biologie-Studium der perfekte Weg für mich wäre. Nachdem ich einige Jahre in meiner Heimat Peru studiert hatte, wurde mir aber klar, dass der akademische Schwerpunkt meiner Universität nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Auf der Suche nach einer Alternative stieß ich auf Universität Bielefeld im fernen Deutschland, denn dort wurde ein Biologie-Studiengang mit dem Schwerpunkt “Tierverhalten” angeboten. Ohne zu zögern habe ich Deutsch gelernt und mich um einen Studienplatz beworben – mit Erfolg!
Alanis hat schon immer davon geträumt, im Regenwald zu forschen - genau wie ihre großen Vorbilder.
Vor einigen Monaten habe ich meinen Bachelor-Abschluss gemacht und studiere derzeit im Masterstudiengang “Ecology and Environmental Change”. Mein Plan nahm langsam Gestalt an, aber mir fehlte noch ein wichtiges Puzzlestück: Ich hatte nicht viel praktische Erfahrung in der Arbeit mit Wildtieren. Mein langfristiges Ziel ist es, in mein Heimatland Peru zurückzukehren und mich dort für Forschung und Naturschutz zu engagieren – das Forschungsstipendium von Wilderness International war also die perfekte Gelegenheit für mich!
Erste Erfahrungen in der Feldarbeit
Da ich bereits Erfahrung in der Arbeit mit Vögeln in Europa hatte, beschloss ich,
während meines Aufenthalts mehr Zeit mit anderen Teams zu verbringen. Deshalb habe ich mich hauptsächlich dem Mammal Research Team angeschlossen. Mit Säugetieren hatte ich zuvor noch nie gearbeitet, und für mich war das eine wirklich wunderbare Erfahrung! Zu sehen, wie die Tiere frei in ihrem natürlichen Lebensraum leben, hat mich so glücklich gemacht und daran erinnert, warum ich studiere, was ich studiere: Um dafür zu sorgen, dass Wildtiere weiterhin frei und friedlich im Wald leben können.

Schon auf dem Weg entlang des Tambopata in unsere Schutzgebiete begegnet man ihnen häufiger: den niedlichen, friedlichen Capybaras.
Die Tage mit dem Mammal Research Team haben sehr früh begonnen. Meistens sind wir bereits gegen sechs Uhr morgens aufgebrochen, um Transekte durchzuführen, bei denen wir Säugetiere und deren Spuren suchen, identifizieren und in einer App dokumentieren. Anfangs fiel es mir noch schwer, aber nach knapp einer Woche habe ich fast alle Säugetiere direkt erkannt, denen wir begegnet sind. Mit der Zeit lernte ich auch, Spuren und andere Anzeichen ihrer Anwesenheit zu deuten, und meine „Ethnologen-Seele" begann, Unterschiede im Verhalten der einzelnen Arten zu erkennen, wenn sie auf uns trafen.
Transekte sind festgelegte Untersuchungslinien oder -streifen in der Umweltforschung (z. B. Ökologie, Geografie, Biologie). Entlang dieser Linie werden systematisch Beobachtungen oder Messungen gemacht – etwa welche Pflanzen oder Tiere vorkommen und wie häufig. So kann man Veränderungen im Raum (z. B. vom Waldrand zur Wiese) oder Unterschiede zwischen Standorten vergleichen.
Dank früherer Erfahrungen im Baumklettern in Deutschland konnte ich auch bei der Installation von Kamerafallen weiter oben in Bäumen helfen und habe außerdem gelernt, wie man verschiedene Knoten knüpft und auch terrestrische Kameras installiert. Nachmittags habe ich dabei geholfen, die Arten in den von Kamerafallen aufgenommenen Videos zu identifizieren, wodurch ich auch mehr über Arten lernen konnte, die wir während der Transekte nicht beobachten konnten.

Kamerafallen sind ein wichtiger Teil der Forschungsarbeit im Regenwald.
Während der nächtlichen Transekte begegneten wir auch Herpetofauna – also Amphibien und Reptilien – und ich habe gelernt, die häufigsten Arten zu identifizieren und vorsichtig mit ihnen umzugehen. Der Kontakt mit Forschenden aus verschiedenen Ländern war für mich eine ungemein bereichernde Erfahrung. Ich habe nicht nur von ihren Erfahrungen vor Ort gelernt, sondern auch viel mehr Selbstvertrauen im Umgang mit der englischen Sprache und in der Arbeit in einem internationalen Team gewonnen.
Von Affenpipi und Tapirspuren
Viele Momente aus meiner Zeit im Regenwald werden mir noch lange in Erinnerung bleiben, aber einige davon ganz besonders lebhaft. Einer der unvergesslichsten Momente ereignete sich während einer Transektbeobachtung, als wir auf eine Gruppe von mindestens zehn Totenkopfaffen stießen. Sie waren unglaublich nah, begannen uns zu umzingeln, und eines der Tiere urinierte sogar auf uns! Es war ebenso unerwartet wie wunderbar und eine weitere Erinnerung daran, wie lebendig und unvorhersehbar der Regenwald ist.
Viele Affenarten markieren ihr Revier mit Urin.
Ein weiterer Moment, der mir sehr stark in Erinnerung geblieben ist, war die Entdeckung meines allerersten Tapir-Fußabdrucks. Er war viel größer, als ich es mir jemals vorgestellt hatte, und zu wissen, dass dieses Tier nur wenige Stunden zuvor dort gelaufen war, gab mir das Gefühl, unglaublich viel Glück zu haben. Ich erinnere mich auch daran, wie ich sehr früh am Morgen durch den Wald ging, umgeben von den Geräuschen der Vögel und Insekten, und mir in diesem Moment klar wurde, dass dies genau die Art von Arbeit war, von der ich seit meiner Kindheit geträumt hatte. Auch während der nächtlichen Transekte war ich trotz meiner Müdigkeit einfach nur unglaublich dankbar, dort zu sein und den Regenwald auf so direkte und intensive Weise kennenlernen und erleben zu dürfen.

Flachlandtapire sind die größten Landsäugetiere Südamerikas
Diese Momente, sowohl die kleinen als auch die außergewöhnlichen, bestätigten mich darin, dass dies der Weg ist, den ich auch in Zukunft weitergehen möchte.
Ein Blick in die Zukunft

Seit meiner Rückkehr nach Deutschland denke ich viel darüber nach, möglichst bald wieder in den Amazonas zurückzukehren, um dort direkt vor Ort einen Beitrag zur Forschung und zum Naturschutz zu leisten. Ich würde mich sehr freuen, weiterhin an Projekten wie diesem mitzuarbeiten und meine Karriere in diesem Bereich weiterzuentwickeln.
Fazit und Danksagung
Ein großes Dankeschön gilt den Koordinator:innen der Teams vor Ort, die immer für Fragen zur Verfügung standen und uns sehr geduldig alles beigebracht haben, was sie wussten. Ich bin Wilderness International zutiefst dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, zu lernen, wie man im Amazonasgebiet forscht – an einem Ort, von dem ich seit meiner Kindheit geträumt habe. Dieser Traum ist nun wahr geworden, und ich hoffe, dass diese Erfahrung nur der Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit ist.