Peru-Expedition 2026: Willkommen im Wald der Wälder!

Stell dir vor, du reist an einen Ort, den du schon tausend Mal gesehen hast – auf Fotos, Videos und Illustrationen. Du denkst, du wüsstest, was dich erwartet. Und dann kommst du in den peruanischen Regenwald und du kapierst: Du hattest ja keine Ahnung. 

Im April 2026 durfte ich als Teil des deutschen Stiftungsteams zum ersten Mal die peruanischen Schutzgebiete auf Expedition besuchen – mit langanhaltenden Folgen.

Ich bin Josie, seit einem Jahr bei Wilderness International und Teil des Teams Kommunikation. Als personifiziertes Sprachrohr – und leidenschaftliche Oversharerin – möchte ich euch dieses Jahr in Worten und Bildern an meinen bewegendsten Expeditionserlebnissen teilhaben lassen.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit …

Ob beim Wandern in der Sächsischen Schweiz oder beim Paddeln auf der Spree – mein Outdoor-Mantra lautet: Safety First. Immer. Deswegen habe ich mir auch schon lange vor der Reise in unser Schutzgebiet am Rio Tambopata in den Kopf gesetzt: Ich will mit allen Wassern gewaschen sein, bevor mich der Regenwald in die Mangel nehmen darf. 

 

Meine Vorbereitungen umfassten daher insbesondere, aber nicht ausschließlich:

  • Ein Erste-Hilfe-Training mit unserem Bildungspartner EXTAC
  • Ein ausführlicher Impfplan und jede Menge Mückenschutz
  • Stabilisierende Sportgymnastik für Sprunggelenk und Knie
  • Und kiloweise Elektrolyte.

Das abendliche spanische Vokabeltraining musste leider schnell ornithologischen Artenlisten weichen. Ich weiß vielleicht (noch) nicht, wie man auf Spanisch im Restaurant bestellt – dafür kann ich einen Krähenstirnvogel verlässlich von einem Gelbbürzelkassik unterscheiden. Mit meinen wunderbaren Kolleg:innen vor Ort konnte ich mich übrigens trotzdem toll unterhalten: auf Englisch und mit einschlägigen Vogelrufen. Mehr dazu später.

Einfach auseinanderzuhalten sind sie nicht: Links ein Krähenstirnvogel, recht ein Gelbbürzelkassik.

Die Reise beginnt: Bis Wald! 

Am 19. April 2026 – ein Tag, der sich noch tief in mein transgenerationales Gedächtnis einbrennen wird – landen meine drei Kollegen Erik, Marten, Tobi und ich (allesamt Expeditionsnewbees) in einer anderen Welt. Innerhalb der letzten 30 Stunden haben wir sieben Zeit- und drei Klimazonen durchquert. Am Flughafen in Puerto Maldonado kickt die Sonne anders als in Berlin. Wir befinden uns in Äquatornähe. Die Landebahnen sind umzingelt von Grün statt Grau. Und uns wird klar: Wir gehen rein. 

In Puerto Maldonado gelandet, ist die Reise in unsere entlegenen Schutzgebiete noch lange nicht beendet.

Drei Stunden trennen uns noch vom Secret Forest, wo uns der Großteil des Expeditionsteams bereits erwartet. Nicht einmal der Jetlag kann unsere Vorfreude jetzt noch überschatten. Das Herz schlägt mir bis zum Hals – und als uns unsere peruanischen Kolleg:innen Xiomara, Flor,  Chris Kirkby, Thalia und Co. am Bootsanleger erstmals analog in die Arme schließen, da weiß ich: Wir sind angekommen, obwohl wir noch gar nicht da sind. 

Kaum abgelegt lässt auch die erste Tierbegegnung nicht lange auf sich warten: Ein Capybara begrüßt uns am Tambopata.

Das Unglaubliche begreifen

Müsste ich die folgenden  Stunden zusammenfassen, gäbe es nur ein Wort: Krass. Die Größe der Bäume, die omnipräsenten Dschungelsounds, der intensive Duft des Dickichts und die Gesichter der Menschen, die ich sonst nur vom Bildschirm kenne, bringen meine Synapsen in einen ekstatischen Ausnahmezustand. Error 404: Begreifbarkeit not found. 


Walks mit Waldmeister Kai mehrmals meine Hand halten mussten: Die ersten Begegnungen mit Brüllaffen, Tamarinen, Caracaras und einem Lachfalken im absoluten Wald der Wälder haben mich einfach überwältigt (auch: überwäldigt). Nach einem geselligen und ausgesprochen schmackhaften Abendessen (Liebe und Dank geht raus an Bladi – den besten Camp-Koch im Universum!) falle ich daher entsprechend müde, aber auch überglücklich zum ersten Mal in mein Dschungelbett im 8er Schlafsaal. 

Von Kolleg:innen zu Connections

“Toot-toot-tooot. Toot-toot-tooot”: So oder so ähnlich klingt es, von einem Tinamu aus dem Bett geflötet zu werden. Ab sofort bricht so jeder Tag im Secret Forest für mich an. Die Schnappatmung der Ankunft ist überwunden, der peruanische Kaffee kickt – und wir machen uns an die Arbeit. Aber an welche eigentlich? 

Der Ruf der wachtelgroßen Tinamous erfüllt den Secret Forest in der Nacht und am frühen Morgen – Head Field Research Coordinator Chris Ketola zeigt uns beim Bird Ringing den tierischen Camp-Wecker.


Wenn es für das deutsche Stiftungsteam auf Expedition geht, hat jede:r für gewöhnlich eine lange To-Do-Liste im Gepäck: Neben dem Rapid Assessment potentiell neuer Schutzgebiete stehen beispielsweise Datenerhebungen, Projektplanung und -dokumentation, Content Creation oder Media Management auf dem Zettel. 

 

Oft werden wir zudem von Bildungs- und Unternehmenspartnern begleitet, die unsere Arbeit vor Ort unterstützen, die Schutzgebiete begutachten und den rechtmäßigen Einsatz der Spendengelder kontrollieren – dieses Mal von DIAMIR, SumUp, Umfulana und Quantum Systems.

Was ist ein Rapid Assessment?

Ein Rapid Assessment ist die schnelle, wissenschaftlich fundierte Ersteinschätzungen natürlicher Flächen, um ihren ökologischen Wert (z.B. Biodiversität, CO₂-Speicherkapazität, Intaktheit des Waldes) zu bewerten. Wir nutzen dazu u.a. Drohnen, LiDAR-Sensoren und Landbegehungen, um potenzielle neue Schutzflächen gezielt zu identifizieren.

 

Drohnenpilotin und Geomatikerin Susanne von Quantum Systems hat uns auf dieser Expedition beim Drohnenfliegen und Aufzeichnen der LiDAR-Daten unterstützt.

Nebst all dieser Programmpunkte versuchen wir trotzdem immer, unsere peruanischen Kolleg:innen bei ihrer Arbeit so nah wie möglich zu begleiten, von ihnen zu lernen und – das vielleicht wichtigste Expeditionsziel von allen – gemeinsame Erinnerungen zu schaffen und bleibende Bande zu knüpfen für all unsere wichtigen internationalen Projekte. 

Trotz aller To-Dos planen wir auf jeder Expedition genügend Zeit zum Teambuilding ein. Kein Videocall kann ein knallhartes Volleyball-Match ersetzen!

 

Grüner wird’s nicht: Botanik und Agroforst mit Alejandro und Gianlucca

Ihr merkt schon: So eine Expedition ist kein Zuckerschlecken – außer es gibt Zuckerrohr im Agroforst. So sehr mich die Tiere im Secret Forest auch faszinieren, so viel Theorie habe ich in Sachen Flora aufzuholen. Und nicht nur ich! Unsere Kollegen Gianlucca Monteverde, Botany Coordinator, und Alejandro Hilares, Agroforestry Coordinator, haben die Neugier ihrer Gäst:innen aus Deutschland zum Anlass genommen, uns Einblicke in ihre Projekte zu geben: Agroforst, Botany Plots und Wildbienenpflege. 

Hör mal, wer da trällert?!

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Vögel liebe? Trotz aller Pflichten und To-Dos habe ich mir ein privates Vergnügen auf Expedition nicht nehmen lassen: Das Bird Watching. Glücklicherweise blieb meine Leidenschaft nicht lange unbemerkt und unsere Kollegin Keyko Saravia, Birds Research Assistant, hat das Point Counting der Vögel im Camp kurzerhand zum Programmpunkt für mich und unsere Unternehmenspartner erklärt. 

 

Zusammen mit Head Field Research Coordinator Chris Ketola zählt, dokumentiert und bestimmt Keyko die Vögel in unseren Schutzgebieten. Anders als mein bescheidenes Hobby hat Keykos Birding natürlich wissenschaftlichen Anspruch! Die Daten der Vogelzählung geben uns, genau wie das Bird Ringing, Aufschlüsse über die Diversität der Vogelpopulation im Secret Forest und ihre langfristige Entwicklung. Keykos wichtigstes Handwerkszeug, das sie den ganzen Tag nicht aus der Hand legt: Ein Fernglas und das hyperbolische Mikrofon, um Vogelrufe gezielt aus den Umgebungsgeräuschen des Waldes herauszufiltern und ihre Urheber zweifelsfrei bestimmen zu können – häufig sogar ihr Geschlecht!

Ruf oder Gesang?

Rufe sind kurze, angeborene Laute zur Kommunikation und dienen allen Vögeln zur Warnung oder Kontaktaufnahme. Gesänge sind melodische, komplexere Tonfolgen, die vor allem Männchen zur Revierabgrenzung und Partnersuche einsetzen.

Birding is my Cardio – der Canopy Tower

Birden am Boden ist eine Sache – auf 45 Metern Höhe eine andere. Viele Vogelarten im tropischen Regenwald leben ausschließlich in den Baumkronen. Um auch diese dokumentieren zu können, erklimmen wir mit Chris Ketola und Forest Guardian Felix beim nächsten Sonnenaufgang die nicht enden wollenden Stufen des schwindelerregenden Canopy Towers unweit unserer Station. 

 

Der Anblick, der sich auf der Aussichtsplattform bietet, lässt uns unsere frühsportlichen Strapazen schnell wieder vergessen: Der frühmorgendliche Nebel lichtet sich. Die Sonne geht auf und der Wald erwacht lautstark aus einer Nachtruhe, die eigentlich keine ist. An diesem Bilderbuchmorgen fliegen uns ein Kappenreiher, drei Schriftarassaris, verschiedene Aras, ein Krähenstirnvogel und zwei Weißbrusttukans vor die Linse. Und meine Birding-Bedürfnisse sind für den ganzen restlichen Tag gestillt!

 

Point Counting gilt im Übrigen als Königsdisziplin im Arten-Monitoring – denn an so viel Reaktionsgeschwindigkeit und Bestimmungsgeschick kommt keine KI heran!

Nicht nur der Wald allein macht unsere Expeditionserlebnisse unvergesslich – auch die Meschen, mit denen wir sie teilen dürfen.

Eine kurze Zeit im Wald – Lessons for a Lifetime

“Aufhören, wenn's am schönsten ist” – nach einer Woche Regenwald kann ich diese Floskel einfach noch nicht hören. Zu viele Fragen scheinen noch offen, zu viele Gespräche to be continued, zu viele Volleyball-Spiele unausgefochten.

 

Heute trennt mich von meinen Kolleg:innen Felix, Chris, Nadine, Keyko, Ariana, Alejandro, Bladi, Gianlucca und allen anderen vielleicht wieder ein Ozean – doch unsere geteilten Werte, Geschichten und Glücksmomente aus dieser kurzen Zeit verbinden uns trotzdem dauerhaft im Geiste. Und Slack und Whatsapp helfen natürlich auch.

 

Ich bin nach Peru gereist und dachte, ich wüsste, was mich erwartet. Eine Woche lang wurde ich jeden Tag eines Besseren belehrt. Ob überraschende Tierbegegnungen oder willkürliche Wetterwechsel: Der Regenwald gibt keine Garantien. Die Wildnis macht, was sie machen will. Das liegt in ihrer Natur (badumm-tss) – und genau das macht sie so einzigartig. So schützenswert.

Der Regenwald hat mich nicht nur berührt. Er hat mich in all seiner Gewaltigkeit gepackt und wird mich garantiert nie wieder loslassen.

Neben den Connections, die ich geknüpft, den Freundschaften, die ich geschlossen habe und dem Wissen, das ich mit nach Hause nehmen durfte, bleibt deswegen vor allem eine Erkenntnis: 

 

Hier, inmitten unserer Schutzgebiete im peruanischen Regenwald, stimmt das ursprüngliche Machtverhältnis zwischen Mensch und Natur wieder. Es war nie anders. Wir sind hier zu Gast, wir haben uns ihr zu fügen. Und das soll für alle Zeit so bleiben. 

Autorin
Josephine Hedderich
Communications

Seit Juli 2025 verstärkt Josie das Kommunikationsteam der Stiftung. Ihre Affinität für Wortspiele und Wildnis setzt sie vor allem in den Bereichen Partnerkommunikation, Kampagnenplanung und Social Media ein.